Großonkel August Lorenz

Bruder von Artur und von meinem Opa Lorenz

Kiel den 29.01.1910 Zur freundlichen Erinnerung an Deinen Bruder August, gewidmet

SMS Großer Kreuzer „Gneisenau“

Von Opa Auedeich weiß ich, dass auch er in Tsingtau war.


Nachfolgenden Brief hat sein Bruder Artur Lorenz mitgebracht, als er abkommandiert wurde und sein Bruder August an Bord bleiben mußte. Der Onkel meiner Mutter, August, fuhr, wie sein Bruder Artur und mein Großvater Opa Albrecht, auf der „Gneisenau“. August wurde nicht abgelöst, sondern blieb an Bord und ging im Verlaufe des Krieges bei den Falklandinseln mit der Gneisenau am 8.12.1914 unter.

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Den Brief oben habe ich „übersetzt“.

Ponape den 2.8.1914
Liebe Eltern!
Verzeiht mir bitte, daß ich mit einem solchen Brief ..… ..... …. Leider läßt es sich nicht besser machen, da unser Schiff den Verhältnissen ent sprechend eingerichtet ist. Also meine Erlebnisse sind seit der Abfahrt von Tsingtau nicht von besonderer Wichtigkeit. Deshalb schildere ich nur kurz. Ehe ich da- mit beginne, möchte ich Dir, liebes Mütterlein noch nachträglich meine herzlichten Glücks und Segenswünsche über- mitteln und will Gott Dir noch lange, lange uns erhalten, so sind wir ihm sehr zu Dank verpflichtet; denn Elternliebe ist das Schönste und treueste, was man auf Erden kennt.
Am 22. Juni verließen wir Nagasaki, nachdem wir kurzes Kohlenfest veranstaltet hatten und dampften den Südsee Inseln entgegen. Nach 8 Tagen bekamen wir ------ und mehrere kleine Insel in Sicht. ------- ist ein Vulkankegel, der wie ein Zuckerhut aus der tiefen, blauen Flut ragt. Weitere Inseln, wie Pagan, wo wir im vorigen Jahre den Prinzen


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durch Hitzschlag verloren, gastierten wir. Ebenfalls Saipan, wo wir 1909 die Gefangenen Samoaries verbanten, sahen wir, hielte uns aber nur kurze Zeit auf, da wir noch einen weiten Reiseweg vor uns hatten. In Trutz (Karolinen Inseln) erlebte ich ein kleines Aben- teuer. Es schien einem Signalgasten, die Lust zum Soldaten- leben vergangen zu sein ; jedenfalls war er plötzlich während eines Ur- laubs verschwunden . Mir fiel die Aufgabe zu, im Verein mit eine -----, Maoten und 6 Mann, den Bur- schen in der Wildnis zu finden. Die Eingeborenen waren unsere Helfers- helfer und hatten den Kerl bald entdeckt. Nach einem tüchtigen Marsch ins Dickicht, fanden wir den Ausreißer im Busch, er hatte sich festgerannt und die Krallen des Gestzes packten ihn. Der Kerl wollte Missionar werden, wie er angab; dies trug ihm 14 Tage Arrest ein, jetzt ist er wieder zahm. In Trutz erreichte uns die Nachricht von der ruchlosen Mordtat der Serben. Von nun an er- litt unsere Reise Verzögerung und ---gte, daß


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mit unserm Spießgesellen 'Scharnhorst' in geschlossener Gesellschaft fuhren. Wir setzten unsere Fahrt nach Ponape fort, wo im Jahre 1911 unsere Kameraden, die schwarzen Lümmels aus ihrem Busch verjagten. Wir brachten den 3 gefallenen Grabsteine und besuchten die Orte, wo sie gefallen waren. Darunter ist auch ein Freud von mir 1. Ob. Sig. Gst. Günter. So lebten wir vergnügt in den Tag hinein und spazierten und badeten gemütlich. Da kamen plötzlich Ende Juli drohende Nachrichten aus Europa welche unsere Reise ein Ziel setzte. Wir haben Funkentelegra- pfische Verbindung mit Insel Yap , auf die ein Kabel mündet. Die Zeit- ungsberichte die wir durch Funken- telegramme bekommen wiederrufen sich meist. Außerdem erhielten wir Befehle vom Admirastab Berlin. Die Lage muß wohl ernst sein, denn wir machen seit 29. Juli 'Klarschiff zum Gefecht'. Dies ist eine Vorsichts- maßregel, denn wir wissen ja nicht zur rechten Zeit, wann der Klamauk beginnt. An Bord herrscht Kriegs- stimmung.


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Ein jeder muß tüchtig ran, denn es gehört viel dazu, um bereit zu sein. Jetzt mannen wir alle Holz und Blech- sachen, sowie überflüssigen Kleidungsstücke von Bord; es ist mit einem Wort gesagt, eine dicke Wuhling Gamaschen und was man so braucht, sind klar und einem vorwitzigen Gegner können wir schon zimlich einheizen. W elchen Plan unser Geschwar- derchef hat, weiß mann noch nicht. Vorläufig warten wir stündlich auf Mobilmachungsbefehl und auf den kleinen Kreuzer 'Nürnberg', der von Mexiko kommt; er kann in 3 - 4 Tagen zu uns stoßen. Wir versuchen dann, falls der Krieg erklärt, mit Gewalt nach Tsingtau, durch zu brechen. Ob uns dies gelin- gen, werdet Ihr dann schon längst erfahren haben ehe der Brief Euch erreicht. Vorläufig hoffen wir daß Beste. Möge alles in Ruhe


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vorüber gehen. Sollte es jedoch nicht der Fall sein, so muß man die Dinge nehmen wie sie sind und das Schwert muß entscheiden. Lieber Vater und Mutter, Ihr braucht Euch nicht zu grämen falls einem von Euren Jungens an den Kragen geht. Ihr seit nicht die einzigen, denen dies passieren könnte. Ich habe nichts zu verlieren und verzichte auf Zivilversorgungsschein, wenn Petrus mich zum Wolken schieben braucht. Hauptsache ist, daß Artur, Gustav und Otto durchkommen. Werde meine paar Groschen noch zu Euch schicken, ehe sie sich im Ozean amüsieren. Habt Ihr die seidenen Decken noch bekommen, die ich einem Kamme- raden mit nach der Heimat gab? Wenn ja, bitte Antwort; wenn nicht mehr hier Adresse: Petrus!


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Nun, liebe Eltern möchte ich, daß Ihr in meinem Namen allen, Artur, Otto, Gustav, Henny, Erna, Fritz, Edichen?, Paul, Pfillipp sowie Familie G. Krause und W Krause sowie Onkel und Tanten Wirrmanns, Ge----- Lehmann, Dorands u.s.w. nochmals meine herzlichsten Grüße ausdrückt. Vorausgesetzt, daß meine Wenigkeit aufgehört mit Atmen. ----- letzter ---- wie ----- ---- .) Nun wollen wir annehmen, es ist alles gut vorüber gegangen. Dann feiern wir aber ein kräftiges Wiedersehen. Anderenfalls, wünsche ich Euch allen, daß Ihr nicht in Mitleidenschaft gezogen werdet und Glück und Ruhe Euch in Eurem weiterem Leben beschieden sei. ------, wir brauchen uns


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wohl nicht zu sehr zu fürchten, denn unsere Armee und Flotte wird hingeben was ihr möglich, um das Vaterland zu schützen. Falls alles klar gegangen und mein Brief Euch erreicht, bitte ich denselben zu vernichten, damit sich niemand darüber lustig macht. Wie gesagt, wir betrachten die Situation sehr ernst und müssen mit allen Möglichkeiten rechnen. Sobald wir Tsingtau erreicht, folgt mein nächster Brief. Bis dahin bleibt Gott befohlen, möge er über Eure Gesundheit wachen.



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Nochmals meinen besten Dank für alles Gute und Schöne, was ich im Elternhaus durch Euch hatte und die treue Liebe mit der Ihr mich auch in der Ferne umgebt. Vorläufig meine herzlichsten Grüße, vielleicht die Letzten, wer kann 's wissen? Aber wer Gott vertraut und feste um sich haut, den wird er schon erhalten.

Auf gesundes Wiedersehen hoffend,
verbleibe Euer Sohn
August


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Diese Postkarte unten lag dem Brief bei, als ich den Ordner von meinen Eltern übernommen habe. Es ist möglich, dass der 2. von Rechts mein Großonkel Artur ist.

Mutter

Amanda

Müggenburg